Der Übergang, über den niemand spricht

Als mir 2025 bewusst wurde, dass ich in einem von mir selbst gebauten Käfig sitze, wünschte ich mir nichts so sehr, als diesen zu verlassen. Aber als seine Tür endlich geöffnet wurde und ich eigentlich frei war, war ich völlig verloren.

Ich dachte, es würde sich freier anfühlen.
Ich dachte, es würde eine Last von mir fallen.
Stattdessen wurde ich vom Wunsch überwältigt, zurück im vertrauten Käfig zu sein. Denn auch wenn er Gitter hatte - es waren meine Gitter.

Kennst du die Geschichte von indischen Elefanten? Wenn sie klein sind, haben sie eine Kette um den Fuß und können nicht weg. Später entfernt man ihnen die Ketten, und sie bleiben trotzdem in ihrer vertrauten Umgebung. Sie versuchen gar nicht erst, sie zu verlassen. Würden sie es tun, wären sie da draußen vorerst völlig verloren - bevor sie anfangen könnten, ihre Freiheit zu genießen.

Ich dachte, ich war auf die Veränderung vorbereitet. Immerhin lagen zwischen der Entscheidung, mein Unternehmen zu schließen, und der tatsächlichen Schließung, ganze sieben Monate. Sieben. Sie waren meine Hölle auf Erden. Und man würde meinen, sie waren lang genug, um zu begreifen, welche Konsequenzen meine Entscheidung haben würde.

Und dennoch war ich nicht vorbereitet. Vielleicht auf die Veränderung selbst, aber nicht auf den Übergang. Aber genau dieser ist es, der uns den Boden endgültig wegzieht. Dieser leere Raum, völlig ohne Halt, wenn das Alte wegbricht, und das Neue noch nicht da ist.

Man sagt, dann startest du eben neu.
Man sagt, es ist ein leeres Blatt, das du neu schreiben kannst.
Man sagt, alle Türen stehen dir offen.

Aber das zu hören, und vielleicht auch zu wissen, und etwas daraus zu machen, sind zwei verschiedene Dinge. Denn eigentlich weiß man es. Aber man kann nicht einfach einen Schalter umlegen und sich im „neuen Leben“ zurechtfinden.

Wochen lang fühlte ich mich, als wäre ich zwanzig Jahre im Gefängnis gewesen und wurde plötzlich „ausgesetzt“, ohne Halt und Orientierung. Es fühlte sich an, als wäre eine Hälfte von mir noch im Unternehmen, und die andere Hälfte in unserem alten Zuhause. Und hier, in der neuen Wohnung, nur eine Hülle meiner Selbst: völlig taub, abgestumpft und leer.

Über Jahre habe ich versucht, die Erschöpfung und den Schmerz zu unterdrücken. Das Jahr 2025 war ein reiner Überlebenskampf. Einen Fuß vor den anderen setzen und dabei atmen - für mehr reichte die Kraft nicht. Aber man kann nicht nur den Schmerz unterdrücken. Man unterdrückt alles. Und plötzlich findet man sich in einer grauen Welt wieder: ohne Farben, ohne Gefühle, mit weniger Leid, aber auch ohne Freude.

Und trotzdem hatte ich das Gefühl, dass die Trauer immer präsent war - wie eine dunkle Hülle um mich gewickelt. Und die Tränen liefen ununterbrochen.

Sich in diesem Teufelskreis zurecht zu finden, war die schwerste Übung überhaupt. Denn nicht nur, dass die Trauer weiterhin da war, auch das bisschen Freude, das mich am Leben gehalten hatte, ging verloren. Meinem Verstand war klar, dass mein Unternehmen nicht mehr existierte und mein altes Leben ein Trümmerhaufen war. Aber mein Körper und mein Nervensystem kamen nicht nach. Sie blieben einfach „stecken“.

Meine Tage waren leer, aber mein System blieb weiterhin völlig überlastet. Ich habe weiterhin funktioniert, obwohl es nichts gab, wofür ich hätte funktionieren müssen. Ich stand unter der Dusche und konnte das Wasser nicht abstellen, weil es zu anstrengend war, mich abzutrocknen. Ich war im freien Fall, und bin auf dem Boden angekommen, als ich mein altes Leben hinter mir ließ. Dachte ich jedenfalls. Die Wahrheit war: Ich hielt immer noch daran fest.

Alles in mir hat sich gegen mein neues Leben gewehrt: Ich wollte nicht hier sein. Ich wollte nicht aufstehen. Ich wollte nicht beten. Ich wollte nicht essen. Ich konnte nicht schlafen. Ich wollte nicht atmen.

Die eisigen Tage und Nächte im Gründerzeit-Haus aus 1875, mit pfeifender Heizung und angelaufenen Fensterscheiben, sollten nicht mein neues Leben sein. Ich sollte in unserem sonnigen Häuschen mit kuscheliger Fußbodenheizung sein - und arbeiten.

„Eine Tür geht zu und die andere auf“, heißt es. Nicht ganz unwahr, aber über den Flur dazwischen scheint niemand zu sprechen. Also dachte ich, ich eile mit gewohntem Tempo hindurch und reiße die neue Tür auf, mit neuen Ideen und neuer Kraft. Stattdessen lief ich gegen die Wand, jeden Tag aufs Neue, bis ich endlich begriffen habe, dass es keine Umleitung gibt. Dass dieser „Flur“ der einzige Weg nach vorne ist, den größten Schmerz bereit hält und dass das Schlimmste erst noch auf mich zukommt.

Ich musste mein altes Leben erst einmal komplett abstreifen, um in das neue hinein zu passen. So wie die Bäume jedes Jahr Altes abwerfen, um Neues zu erschaffen. Und so wie sich eine Raupe auf ihrem Weg zum Schmetterling einem Zerstörungsprozess unterwerfen muss, um zu überleben.

War es einfach, durch den Schmerz zu gehen, statt einen Bogen um ihn zu machen? Keinesfalls - und ich hätte es beinahe mit meinem Leben bezahlt. Bin ich damit „fertig“? Sicher nicht. Aber ich entscheide mich jeden Tag dafür, loszulassen, und all meine Sorgen und Ängste Gott zu übergeben.

Ich entscheide mich für einen bewussten Spaziergang am Morgen, um die frische Luft in der Natur mit jeder Zelle meines Körpers aufzunehmen. Ich entscheide mich, jeden Abend im Park den wunderschönen Sonnenuntergängen zuzusehen, die so einmalig sind, dass es mir den Atem verschlägt. Und in der Zeit dazwischen entscheide ich mich, dankbar zu sein dafür, dass es mir heute an nichts fehlt. Und zu vertrauen, dass ich immer genau da bin, wo ich sein soll.

„Bleibt nicht bei der Vergangenheit stehen! Schaut nach vorne, denn ich will etwas Neues tun! Es hat schon begonnen, habt ihr es noch nicht gemerkt? Durch die Wüste will ich eine Straße bauen, Flüsse sollen in der öden Gegend fließen.“

Jesaja 43:18-19 HFA

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