Was wir von einer Entenmama lernen können

Vor einigen Wochen gab es Entenkücken in unserem Park. Entzückte Nachbarschaft, viele „ahs“ und „ohs“ am Teich und tägliches Prüfen bei den Spaziergängen: Sind alle noch da? Es waren ganze neun Stück. Anfangs. Danach nur noch sieben. Und dann fünf. Unsere „ahs“ und „ohs“ wurden etwas bedrückter und beim Vorbeilaufen warfen wir einen strengen Blick auf Fischreiher und Krähen, die vier der Sprösslinge auf dem Gewissen haben müssten.

Die stolze Entenmama drehte täglich ihre Runden und die tollpatschigen Kleinen watschelten hinterher. Und sie wuchsen so schnell, dass sie kaum noch durch die kleinen Lücken im Zaun um den Teich passten. Neulich beim Spaziergang kniete ich mich hin und beobachtete aus sicherer Entfernung die Entenmama, die unter den Zaun schlüpfte und ins Wasser gleitete. Vier Kücken folgten. Ein Kücken rannte aufgeregt von links nach rechts und fand die Lücke unter dem Zaun nicht. Mein Blutdruck stieg. Neben mir jammerte unser Hund, der die Lage gerne etwas aufgemischt hätte und hinter mir stand wortlos mein Mann. Ich spürte seinen strengen Blick schon im Rücken und wusste - eile ich dem Kleinen zur Hilfe, ist er zum Sprung bereit.

Das Kücken war wohl nicht das hellste. Knappe zehn Minuten rannte es am Zaun entlang, verzweifelt auf der Suche nach dem Weg ins Wasser. Mein Körper wurde immer steifer, die Luft immer dünner. Vor meinem geistigen Auge rannte ich schon zu Hilfe und hob das Kücken über den Zaun. Aber meine innere Stimme wurde immer mahnender: „Nein, das ist nicht dein Job“. Die Entenmama drehte ruhig ihre Runden im Wasser, ihren Sprössling im Blick, aber ohne zur Hilfe zu eilen. „Wie konnte sie nur so entspannt sein?“, dachte ich vorwurfsvoll. „Vier Kücken sind doch schon umgekommen…“.

Und dann, Trommelwirbel: Das Kücken fand den Eingang. Es watschelte zum Wasser, sprang hinein und schwamm seiner Mama und den Geschwistern hinterher. Ente gut, alles gut. Ich bekam wieder Luft. Der Hund akzeptierte enttäuscht, dass es Abendessen doch erst zu Hause gibt. Mein Mann grinste breit, wohlwissend, welche inneren Kämpfe ich geführt haben muss. Ich richtete mich auf, ließ die angehaltene Luft aus meiner Lunge und sagte nur: „Puh!“ Und mein Mann: „Bin stolz auf dich“.

Wie oft möchten wir unseren Kindern zu Hilfe eilen. Jede Hürde und jeden Schmerz möchten wir ihnen aus dem Weg räumen und auf uns nehmen, nur damit sie nicht leiden müssen. Ganz sicher war ich keine Helikopter-Mama, aber sehr oft die Problem-Polizei, immer an Ort und Stelle. Dabei vergessen wir aber, dass wir eigentlich stolz sein sollten, wenn uns unsere Kinder nicht mehr brauchen.

Unser Job ist nicht, ihren Schmerz wie ein Schwamm aufzusaugen. Unser Job ist, loszulassen, zuzusehen, wie sie ihr Leben meistern, und da zu sein, wenn wir gebraucht werden. Wie die Entenmama, die ihren Sprössling aus der Ferne im Blick behält, ohne ihm den Weg zu zeigen. Sie baut ihm keine Brücke und hebt den Zaun auch nicht an. Aber sie ist da und schaut nur zu, auch wenn es unendlich viel Mut und Kraft abverlangt, nicht einzugreifen.

Ich übe mich immer noch darin, zu begreifen, dass nicht jeder Kampf mein eigener ist. Dass ich nicht jedes Leid, das mir begegnet, selbst beseitigen kann. Wir wurden gar nicht dazu geschaffen, so viel Last selbst zu tragen.

Oft denken wir, dass wir als Eltern versagt haben, wenn unsere Kinder leiden müssen. Vergangenes Jahr erstickte ich förmlich in meinem Schmerz, zusehen zu müssen. Aber wir können unsere Kinder nicht vor den „Flammen des Lebens“ beschützen, weil diese dazu gehören. Selbst unter Gottes Schutz gibt es Feuer und tiefes Wasser. Er nimmt uns den Schmerz nicht weg und führt uns auch nicht daran vorbei - aber er geht mit uns hindurch und sorgt dafür, dass wir nicht untergehen.

Früher dachte ich, Gott mutet uns nur so viel zu, wie wir ertragen können. Es gab Zeiten, als ich diesen Gedanken beruhigend fand. Aber heute weiß ich: Er mutet uns noch viel mehr zu, weil er es mit uns erträgt. Er kennt unser Leid und unseren Schmerz, noch bevor wir auch nur ein Wort gesagt haben. Er nimmt uns unsere Last ab, wenn wir bereit sind, sie loszulassen. Er hört immer zu und steht immer vor unserer Tür, wenn wir bereit sind, ihn hineinzubitten.

Und wir können uns jeden Tag für seine Liebe entscheiden.

„Wenn du durch tiefes Wasser oder reißende Ströme gehen musst - ich bin bei dir, du wirst nicht ertrinken. Und wenn du ins Feuer gerätst, bleibst du unversehrt. Keine Flamme wird dich verbrennen.“

Jesaja 43:2 HFA

Weiter
Weiter

Der Übergang, über den niemand spricht